Armutsforum 2016: Bildung gegen Armut

Wer nicht lesen, schreiben, rechnen oder den PC bedienen kann, steht im Abseits. Fachleute sind sich deshalb einig: Diese Grundkompetenzen müssen dringend gefördert werden. Der Kanton Zürich sieht das anders – und spart lieber bei den Schwächsten.

Das 10. Armutsforum drehte sich um die Bedeutung und die Förderung von Grundkompetenzen. Falls Sie diesen Text hier lesen und verstehen können: Herzlichen Glückwunsch! Viele Menschen im Kanton Zürich können nämlich schon mit ganz alltäglichen Texten wenig anfangen. Laut Bernhard Grämiger, Direktor des SVEB, sind allein von Sek-I- und Sek-II-Absolvent/innen rund 45‘000 Menschen im Kanton betroffen. Das stellt sie im Alltag vor erhebliche Schwierigkeiten: am Arbeitsplatz, als Elternteil von Schulkindern oder im Umgang mit Behörden, um nur einige zu nennen.

Betroffene ziehen sich zurück

Manchmal liegt es nicht einmal daran, dass man nicht richtig gelernt hat: Lese- und Schreibkompetenzen kann man nämlich auch wieder verlieren, wenn man sie nicht regelmässig braucht. Brigitte Aschwanden, Geschäftsführerin Verein Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz, beobachtet zudem, dass die Anforderungen heute ständig steigen: «Da können nicht alle mithalten.» Die Konsequenz: Die Betroffenen vermeiden den Gebrauch von Grundkompetenzen, verheimlichen die Defizite und ziehen sich zurück.

Paradoxe Politik im Kanton Zürich

Mit dem nationalen Weiterbildungsgesetz, das am 1. Januar 2017 in Kraft tritt, fordert der Bund die Kantone nicht nur dazu auf, mehr in die Förderung von Grundkompetenzen zu investieren – er stellt auch Mittel dafür zur Verfügung. Der Regierungsrat des Kantons Zürich reagiert darauf, indem er im Rahmen von Sparmassnahmen sogar die bisherige Förderung in diesem Bereich ersatzlos streicht.

Diese Sparmassnahmen könnten teuer werden

«Wem es an Grundkompetenzen fehlt, der hat ein viel grösseres Risiko, in die Armut zu rutschen», sagt Max Elmiger, Direktor von Caritas Zürich. «Wieder wird bei den Schwächsten gespart. Deshalb wird auch die Anzahl Betroffener weiter zunehmen – ob damit dann letztlich Geld gespart wird, bezweifeln wir stark.» Entsprechend wird sich Caritas Zürich auch in Zukunft für die Förderung der Grundkompetenzen einsetzen.

Am 10. Armutsforum referierten:
– Talitha Schärli Petersson, Nationales Programm gegen Armut, Wissenschaftliche Mitarbeiterin
– Brigitte Aschwanden, Verein Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz, Geschäftsführerin
– Bernhard Grämiger, Schweizerischer Verband für Weiterbildung SVEB, Direktor
– Heidi Holenweg, EB Zürich, Leiterin BasiX
– Renata Gattella, Caritas Zürich, Leiterin LernLokal
– Claudia Schwager, Projekt «Grundkompetenzen» der Metropolitankonferenz Zürich, Projektleiterin

Rund 100 Teilnehmende diskutierten mit.

Präsentationen: