Selbstbestimmungsinitiative: Nein zur Nabelschau

17.11.2018
Am 25. November stimmt die Schweiz über die «Selbstbestimmungsinitiative» ab. Max Elmiger hat in einem Leserbrief (Tages-Anzeiger, 17.11.2018) Stellung bezogen.
Zwischen 1942 und 1981 wurden in der Schweiz Tausende von Jugendlichen und Erwachsenen «administrativ versorgt». Die damaligen menschenunwürdigen Verhältnisse wurden bis heute erst teilweise aufgearbeitet. Es ist dem Beitritt der Schweiz zur Europäischen Menschenrechtskonvention im Jahr 1974 zu verdanken, dass die «Administrativversorgung» in den 1980er Jahren endlich abgeschafft wurde.
Genau diesen fremdbestimmten Weggesperrten, die heute noch leben, muss der Begriff der «Selbstbestimmung» ziemlich zynisch in den Ohren klingen. Es ist müssig darüber nachzudenken, wie viel länger ihr Leiden ohne Menschenrechtskonvention noch gedauert hätte. Vielleicht wären sie heute noch nicht rehabilitiert, weil wir uns doch nichts von fremden Richtern vorschreiben lassen wollen.
Die so genannte Selbstbestimmungs-Initiative zeugt von einer verklärten Idee, dass die Schweiz auf einer Insel der seligen Demokratie lebt, und dass nur wir uns selber genügen können – und alles andere ist Einmischung. Wie nur schon das eine Beispiel zeigt, hilft übergeordnetes Menschenrecht gegen blinde Flecken, wenn ein Land wie die Schweiz nur auf den eigenen Nabel schaut.

Max Elmiger, Direktor Caritas Zürich